Autobiografisches in Figuren

Lesezeit: 3 Minuten

 

Leser spekulieren bei fiktiven Geschichten ja gerne über die autobiografischen Anteile im Plot und bei den Figuren. Hat der Autor seine Nachbarin auch im echten Leben umgebracht? War die Autorin wirklich mal mit einem dominanten Multimillionär im Bett?

 

Autoren gehen mit solchen Spekulationen sehr verschieden um. Die einen leugnen jeden autobiografischen Bezug zu ihren Protagonisten. Die anderen kehren diesen Bezug offensiv heraus. Je realitätsferner das Genre, desto abseitiger scheint die Verbindung zwischen Figuren und Autor auf den ersten Blick zu sein. Was sollte ein Zauberer in einem hochmittelalterlichen Fantasy-Setting schon mit einem Philologen aus Oxford Mitte des 20sten Jahrhunderts gemein haben? Wo ist die charakterliche Verbindung zwischen einem Waisenjungen mit Brille und Narbe in einer magischen Parallelwelt und einer Englischlehrerin im Edinburgh der Neunziger? Gibt es eine? Und falls ja, wie sehr prägte sie schlussendlich die Geschichte?

Figuren sind für mich erdachte Fremde, die ich gut kenne. Oder fiktive Freunde, je nachdem. Letztlich aber Puppen, die ich tanzen lasse. Lange wollte ich nicht persönlich mit meinen Figuren in Bezug gesetzt werden. Gar nicht mal nur, wenn es Figuren mit Schwächen oder abstoßenden Merkmalen waren – sondern grundsätzlich nicht. Mein Roman ist mein Roman und mein Leben mein Leben, basta. Ersteren soll die ganze Welt lesen. Letzteres geht niemanden etwas an.

 

Auch bei Buchanalysen früher im Deutschunterricht hat es mich immer gestört, wenn Schlauköpfe in der Sekundärliteratur meinten, sie würden das Werk eines Schriftstellers besonders gut verstehen, weil sie es biografisch deuten. Oder gar gesellschaftlich-historisch. Mumpitz. Die einzig wahre Lesart ist die werkimanente, so schien es mir. Der Autor schreibt schließlich, weil er selbstbestimmt etwas erzählen möchte. Nicht, weil ihn Lebenserfahrungen oder sein soziales Umfeld oder seine Epoche dazu treiben.

 

Irgendwann musste ich mir aber eingestehen, dass die lebendigeren, frischeren Figuren im Skript tatsächlich die sind, die bei zweitem Hinsehen irgendetwas von mir in sich tragen. Irgendeine Macke, oder auch eine Stärke, oder schlicht eine wertneutrale Marotte. Ein bestimmtes Denk- oder Verhaltensmuster. Eine Gewohnheit, eine spezielle Angst oder Freude, ganz egal. Nur eine Facette vielleicht, die aber oft schon reicht, um die jeweilige Figur plastischer und einprägsamer zu machen. Glaubwürdiger.

Je mehr ich darauf achtete, desto mehr ging mir auf, dass ich mich bei der Figurenzeichnung im Grunde schon immer selbst ausgeschlachtet hatte. Und nicht nur mich: Mein ganzes Umfeld, jeder x-beliebige Mensch, der mir irgendwann mal begegnet ist oder den ich auch nur einmal kurz aus der Distanz sah, konnte und kann mir als Matrize für eine Figur in meinem Roman dienen. Vielleicht nicht eins zu eins, nur andeutungs- oder ausschnittsweise oder in neue Mischformen gebracht.

 

Gemacht hatte ich das schon immer, intuitiv. Mittlerweile ist mir das besser bewusst. Wo ich früher nach Gefühl zusammengerührt habe, koche ich heute auch schon mal nach Rezept. Probieren muss ich dann beim Schreiben zwischendurch trotzdem noch. Schmeckt sie so, die Figur? Hat sie die rechte Schärfe? Oder Süße? Oder Bitterkeit? Stimmt die Mischung? Oder gerät sie zum austauschbaren Brei, zu Pappe im Mund des Lesers?

 

Am liebsten koche ich meine Figuren nach wie vor aus dem Handgelenk. Das Meiste findet bei mir impulsiv statt, das wird wohl auch immer so bleiben. Manchmal aber bringt mich der gezielte, analytische Griff ins eigene Selbst weiter, sowohl bei Protas als auch bei Nebenfiguren. Frei nach Christopher Keane, der mit Blick auf die inneren Dämonen und Konflikte des Autors sagt: 'Setzen Sie es für einen guten Zweck ein und beladen Sie Ihre Hauptfigur damit.' (aus: Schritt für Schritt zum erfolgreichen Drehbuch, Autorenhaus Verlag, Erstausgabe, 1998, S. 37).

Kommentar schreiben

Kommentare: 0