Autobiografisches in Figuren

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Die Art und Weise, wie die Lebenserfahrung von Schriftstellern ihre Fantasie beeinflusst, ist vielschichtig. Leser spekulieren bei fiktiven Geschichten ja gerne über die autobiografischen Anteile im Plot und bei den Figuren. Hat er seine Nachbarin auch im echten Leben umgebracht? War sie wirklich mal mit einem dominanten Multimillionär im Bett?

 

Autoren gehen mit solchen Spekulationen sehr verschieden um. Die einen leugnen jeden autobiografischen Bezug zu ihren Protagonisten. Die anderen kehren diesen Bezug offensiv heraus. Je realitätsferner das Genre, desto abseitiger scheint die Verbindung zwischen Figuren und Autor auf den ersten Blick zu sein. Was sollte ein Zauberer in einem hochmittelalterlichen Fantasy-Setting schon mit einem Philologen aus Oxford Mitte des 20sten Jahrhunderts gemein haben? Wo ist die charakterliche Verbindung zwischen einem Waisenjungen mit Brille und Narbe in einer magischen Parallelwelt und einer Englischlehrerin im Edinburgh der Neunziger? Gibt es eine? Und falls ja, wie sehr prägte sie schlussendlich die Geschichte?

 

Figuren sind für mich erdachte Fremde, die ich gut kenne. Oder fiktive Freunde, je nachdem. Letztlich aber Handpuppen, die ich tanzen lasse. Dass in ihnen ein Teil von mir stecken könnte, also ein Teil von mir persönlich, ein Quentchen echter Florian – der Gedanke war mir lange suspekt. Mein Prota soll Wesenszüge von mir tragen? Unsinn! Er ist eine Figur und tanzt nach meiner Pfeife, erfüllt seine Funktion in der Geschichte. Die Personage im Roman, das sind meine Angestellten – ich bin der Herr Direktor. Wer mir nicht passt, fliegt raus. Im Übrigen weiß ich Berufliches und Privates zu trennen, neugierige Spekunüffelnasen unter meinen Lesern werden vom Werksgelände gescheucht.

Nun war ich also sensibilisiert. Ja, geradezu misstrauisch. Ich wollte nicht persönlich mit meinen Figuren in Bezug gesetzt werden. Gar nicht mal nur, wenn es Figuren mit Schwächen oder gar abstoßenden Merkmalen waren, sondern grundsätzlich nicht. Mein Skript ist mein Skript und mein Leben mein Leben, basta. Ersteres soll die ganze Welt lesen. Letzteres geht niemanden etwas an. Auch bei Buchanalysen früher im Deutsch-LK hatte es mich gestört, wenn irgendwelche Schlauköpfe in der Sekundärliteratur meinten, sie verstehen das Werk eines Schriftstellers besonders gut, weil sie es biografisch deuten. Oder gar gesellschaftlich-historisch. Mumpitz. Die einzig wahre Deutungsmethode ist die werkimanente, so schien es mir. Der Autor schreibt schließlich, weil er selbstbestimmt etwas erzählen möchte. Nicht, weil ihn Lebenserfahrungen oder sein soziales Umfeld oder seine Epoche zwanghaft dazu treiben.

 

So weit, so gut. Nur: Einmal auf die Fährte autobiografischer Prägung meiner Figuren gebracht, musste ich mir eingestehen, dass die lebendigeren, frischeren Figuren im Skript tatsächlich die sind, die bei zweitem Hinsehen irgendetwas von mir in sich tragen. Irgendeine Macke, oder auch eine Stärke, oder schlicht eine wertneutrale Marotte. Ein bestimmtes Denk- oder Verhaltensmuster. Eine Gewohnheit, eine spezielle Angst oder Freude, ganz egal. Nur eine Facette vielleicht, die aber oft schon reicht, um die jeweilige Figur plastischer und einprägsamer zu machen. Glaubwürdiger. Lauter kleine verkappte Floriane. Mit Schwertern. Mit Zauberkraft. Mit Brüsten.

Je mehr ich darauf achtete, desto mehr ging mir auf, dass ich mich bei der Figurenzeichnung im Grunde schon immer selbst ausgeschlachtet hatte. Und nicht nur mich: Mein ganzes Umfeld, jeder x-beliebige Mensch, der mir irgendwann mal begegnet ist oder den ich auch nur einmal kurz aus der Distanz sah, konnte und kann mir als Matrize für eine Figur in meinem Roman dienen. Vielleicht nicht eins zu eins, nur andeutungs- oder ausschnittsweise oder in neue Mischformen gebracht. Man nehme: ein Quentchen von mir, einen Schuss von der Sabine im Sportkurs, eine Prise von Onkel Frank, eine Messerspitze von dem Obdachlosen am Supermarkt, einen gestrichenen Teelöffel von der Kassiererin mit den Nailextensions, verquirle alles einmal auf höchster Stufe ... et voilá: Fertig ist die schillernde Figur.

 

Gemacht hatte ich das bereits, intuitiv. Doch dank neugieriger LeserInnen mit Lust am Spekulieren wurde ich mir darüber auf neue Weise klar. Wo ich früher nach Gefühl zusammengerührt habe, koche ich heute auch schon mal nach Rezept. Probieren muss ich dann beim Schreiben zwischendurch trotzdem noch. Schmeckt sie so, die Figur? Hat sie die rechte Schärfe? Oder Süße? Oder Bitterkeit? Stimmt die Mischung? Oder gerät sie zum austauschbaren Brei, zu Pappe im Mund des Lesers?

 

Am liebsten koche ich meine Figuren nach wie vor aus dem Handgelenk. Das Meiste findet bei mir impulsiv statt, das wird wohl auch immer so sein. Manchmal aber bringt mich der gezielte, analytische Griff ins eigene Selbst weiter, sowohl bei Protas als auch bei Nebenfiguren. Frei nach Christopher Keane, der mit Blick auf die inneren Dämonen und Konflikte des Autors sagt: 'Setzen Sie es für einen guten Zweck ein und beladen Sie Ihre Hauptfigur damit.' (aus: Schritt für Schritt zum erfolgreichen Drehbuch, Autorenhaus Verlag, Erstausgabe, 1998, S. 37).

Der Held in meinem kommenden Roman ist übrigens ein konfliktscheuer Schreiber in den besten Jahren, der sich ständig die Klamotten bekleckert. Was das mit mir zu tun hat? Natürlich gar nichts. Und wenn doch, dann bin ich mir dessen nicht bewusst.

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