Wie ich Messe-Aussteller wurde

Lesezeit: 3 Minuten

 

Sommer 2017. Im Februar habe ich meinen ersten selbstverlegten Roman veröffentlicht und langsam dämmert mir, dass ich deshalb jetzt noch kein Bestseller-Autor bin. Verdammt. Was tun?

Eine Bekannte empfiehlt mir, an Messen und Conventions teilzunehmen. Als Aussteller. Mit meinem Buch. Guter Gedanke eigentlich. Ich weiß zwar, dass es so was wie Messen und Cons gibt, aber auf die Idee, da selbst hinzugehen und ... Nee, da wär ich von alleine nicht drauf gekommen.

 

Zu der Zeit geistert gerade die 'Phantastika' durch Facebook. In Oberhausen, Anfang September. Ich lebe in Düsseldorf, logistisch gibt's also keine Ausreden. Thematisch passt es auch, mein Debütroman ist schließlich so was von Fantasy. Gesagt, getan. Phantastika, ich komme! Attacke! Weltherrschaft!

 

Ich kriege tatsächlich noch einen Platz, schlanke zwei Monate vor Beginn. Durchaus nicht selbstverständlich. Beliebte Veranstaltungen sind locker ein halbes Jahr vorher ausgebucht mit Ausstellern. Nun, es ist die erste Phantastika, und das Oberhausener CongressCentrum ist groß. Ich bekomme also noch einen Platz, so ziemlich den letzten. Genau: den hier auf dem Foto.

 

Ich freu mich. Ehrlich!

Und stürze mich sofort in die Vorbereitungen. Man kann mir ja viel vorwerfen – lahm, schusselig, schlecht rasiert – aber wenn ich mich dann mal zu etwas entschlossen habe, will ich es auch richtig machen. Also richtig richtig. Keine halben Sachen. Manische Ambition. Die Phantastika wird, was das betrifft, mein Meisterstück.

 

Ich informiere mich und fange an, Kram für die Con zusammenzutragen. Werbemittel zu gestalten. Flyer. Leseproben. Poster, laminiert und unlaminiert – A5, A4, A3, A2, A1. 'Viel hilft viel', denke ich. Ich bestelle erstmals furchtlos einen 50er-Bücherkarton bei BoD. Kaufe spannende Tischbeleuchtung. Setze mich mit Brandschutzbestimmungen auf Messen auseinander und lerne Klebe-Knete kennen, die sich rückstandslos wieder von Wänden lösen lässt, die du vorher mit Postern gepflastert hast. Rückstandslos, in der Theorie.

 

Im Sommerurlaub lege ich Nachtschichten ein, um mein zweites Buch noch vor der Phantastika fertigzustellen. Nur ein einziger Titel auf dem Büchertisch, das käme mir armselig vor. Ich zanke mit meiner Lektorin und handle mir Ärger mit meiner Frau ein, die sich auf zwei entspannte Wochen am Meer gefreut hatte. Entspannung – pah! Nach der Con vielleicht, vorher sicher nicht mehr. Es gibt noch viel zu viel zu tun. Richtig richtig.

 

Das große Wochende rückt näher. Ich nerve das CongressCentrum am Fon, bis sie sich um des lieben Friedens willen bereiterklären, mir 14 Tage vorher einmal die Tore zu öffnen, damit ich meinen Platz unter der Treppe ausmessen kann. Es soll ja alles genau hinkommen & gut aussehen. Nach einer viel zu kurzen halben Stunde werde ich rausgeschmissen, komme aber dank eines freundlichen Handwerkers, der zufällig gerade im Foyer zu tun hat, durch die Hintertür wieder rein. Herrlich! Endlich ungestört, messe ich, tüftle, wandle durch die Flure ... Kopfkino pur. Hey, da wehen ja schon riesige Phantastika-Fahnen draußen an den Masten. Das wird groß!

Am 1. September ist es endlich so weit: Ich darf aufbauen kommen! Freitag ist ja oft Aufbautag auf Wochenend-Cons. Acht volle Stunden racker ich im Treppenhaus hinter dem Foyer, wild entschlossen, aus der Schwäche meines Standorts eine Stärke zu machen. Fläche ist genug vorhanden. Schräg, rund (eine Säule), frontal sowieso und noch an beiden Seiten des Aufgangs. Die Flyer hänge ich, zum Abreißen vorgelocht, an Ketten, die ich am Treppengeländer befestige. Stille Beratung mit einem Hauch von SM-Studio. Ich lege sogar noch laminierte Poster auf die beiden Heizkörper, die längs der unteren Stufen montiert sind, damit die Leute selbst beim Hoch- und Runterlaufen, wenn sie über das Geländer schauen, noch meine Cover sehen. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich mir den Kopf an der Schräge gestoßen habe. Egal. In meiner Fantasie ist der 50er-Karton schon leer.

 

Dann ist der große Tag da. Der Samstag. Flankiert von einer kaugummikauenden Hostesse (die Babysitterin meiner Tochter) bezieht der in den nächsten 48 Stunden weltberühmt werdende Autor hinter seinem Tisch Position, die Handflächen feucht, von latentem Dauerharndrang geplagt. Aber er lässt sich nichts anmerken. Die Besucher kommen. Gar nicht mal wenige. Ziemlich viele sogar, finde ich. Sie kommen und gehen. Rauf. Runter. Rauf ... Irgendwie logisch, ich stehe ja auch im Treppenhaus.

 

Nach einer Stunde habe ich eine ganz wichtige Con-Lektion gelernt: Vom Hinter-dem-Tisch-sitzen-und-freundlich-Gucken hält keiner an und kauft einen Roman. Daran ändert auch die knalligste Aufmachung wenig. Auch nicht der Bildschirm, auf dem mein Buchtrailer in Dauerschleife läuft. Mit Ton. Noch vor der Mittagsstunde singen meine Mitaussteller zur Rechten und gegenüber das Lied auswendig mit, was sie eigentlich gar nicht wollen. 'Ich stör die bestimmt damit', denke ich, lasse den Ton aber die ganze Messe über an. Ohne Sound macht der Trailer keinen Spaß, und wozu habe ich den ganzen Technikkrempel schließlich hergeschleppt? Bringen tut mir die Standglotze ... nüscht.

Am Sonntag Abend packe ich alles wieder ein. Meine Hostesse habe ich früher nach Hause geschickt, weil ich sie nicht gebraucht habe. Ich war auch alleine Herr der Lage unter meiner Treppe. An dem Sonntag waren auch deutlich weniger Leute da. Das ist ebenfalls oft so auf Cons: dass der Sonntag der frequenzschwächere Tag ist. Zwei Bücher habe ich verkauft, eins am Samstag, eins am Sonntag. Und ca. 300 Flyer verteilt. Und einige Learnings mitgenommen.

 

Ich habe mit unglaublich vielen Menschen gesprochen an dem Wochenende. Ich habe sehr nette Mitaussteller kennengelernt. Manche davon treffe ich immer wieder auf wechselnden Veranstaltungen, ein bunter Wanderzirkus.

 

Leider blieb es die einzige Phantastika in Oberhausen. Ja, tatsächlich: Ich wäre wiedergekommen, auch, wenn ich 48 Bücher wieder mit nach Hause genommen habe. Denn mit diesem Zirkus ist es wie mit vielen anderen Dingen auch: Es entwickelt sich ein Stück weit, wenn man am Ball bleibt. Wenn ich heute im dritten Jahr vor meinem Büchertisch stehe – denn das ist meiner Erfahrung nach der bessere Platz für den Aussteller: vor dem Tisch stehend, nicht sitzend dahinter – dann haben die Besucher zum Teil schon von meinen Büchern und mir gehört.

 

Besteller-Autor bin ich zwar noch immer nicht, aber ich verkaufe mittlerweile deutlich mehr an so einem Wochenende. Immer noch small business, für sich genommen kein echtes Geschäftsmodell. Mehr ein einzelner Baustein im Marketing Mix. Digitale Kanäle sind, versiert gehandhabt, gewiss effektiver und effizienter. Doch wer die Zeit hat, wer gerne unter Leute geht und seine Zielgruppe im persönlichen Gespräch näher kennenlernen möchte UND wer gerne Lesungen gibt (viele Cons haben ein Begleitprogramm mit Kleinkunst, Lesungen, Musik ...), kurz: wem all das analoge Treiben Spaß macht, der macht das nicht vergebens.

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Kommentare: 1
  • #1

    Markus Platt (Sonntag, 01 September 2019)

    Ja, lieber Florian, genauso hat jeder Bestseller-Autor angefangen. Inzwischen gehörst du zu den "alten Hasen" und weißt, worauf es ankommt.
    Ich wünsche dir weiterhin viel Erfolg und freu mich schon auf unser nächstes Wiedersehen.