NEU: DIE STADT DER STILLEN WASSER

›Nifek balancierte zwischen Himmel und Erde.‹

 

So beginnt der 400 Seiten starke Zweiteiler DIE STADT DER STILLEN WASSER, der neuste Roman von Florian Clever. Balance spielt darin eine große Rolle. Das Gleichgewicht zwischen Zwang und Freiheit. Zwischen dem, was zum Überleben notwendig ist und dem, was man eigentlich möchte. Zwischen Liebe und Eigennutz, Achtsamkeit und Ignoranz.

 

Der schmächtige Ratsschreiber Sajit ist ein konfliktscheuer Mitläufer. Doch als die prächtige Stadt Mesrée angegriffen wird und die Feuer der Belagerer seine Heimat ins Chaos stürzen, kann Sajit sich nicht länger an seinen Federkiel klammern. Mesrée braucht einen Helden, und sei es auch einer wider Willen.

 

Auszug aus dem Manuskript:

 

Nifek balancierte zwischen Himmel und Erde.

Die Mauer war lang, die Aussicht über die Wüste grandios. Aber er sah nicht hoch. Seine Aufmerksamkeit galt allein der Rinne rechts von ihm. Er blieb stehen, stieß mit der Eisenstange nach einer Kalkablagerung in dem künstlichen Wasserlauf, einmal, zweimal. Hielt den Kescher darunter und fing die gelöste Kruste mit dem Netz auf. Noch ein Stoß. Ja, das hatte sich gelohnt. Kescher ausleeren, links über dem Mauerrand. Shaim, sein Partner, würde unten aufkehren, sobald Nifek die Hälfte der Strecke hinter sich hatte. Sie machten das schon länger zusammen.

Es war eine gute und wichtige Arbeit, den Aquädukt instand zu halten. Ganz Mesrée hing von seinem Wasser ab. Zwanzigtausend Menschen, die sonst auf dem Trockenen saßen, abgesehen von den Zisternen und ein paar Brunnen, die jedes Jahr tiefer ausgeschachtet werden mussten. Die Dürre schenkte ihnen keinen Tropfen, Nifek war sich dessen sehr bewusst. Ein halber Tag in der prallen Sonne auf dem Aquädukt, und er fühlte sich wie ein Stück Dörrfleisch. Wenigstens war ein Schluck hier oben stets nah, und der Lohn stimmte auch.

Er kniete nieder, legte Eisenstange und Kescher zur Seite, löste eine Kelle von seinem Gürtel, schöpfte aus der Rinne und trank. »Kannst loslegen!«, rief er zwischen zwei Schlucken.

Nicht, dass Shaim diesen Hinweis brauchte. Die Spur aus zerplatzten Kalkkrusten auf der breiteren, unteren Ebene des Aquädukts zeigte an, wie weit Nifek oben schon gekommen war. Das überflüssige Kommando war eines ihrer Rituale. Die Tätigkeit an der Rinne war schwieriger und gefährlicher als das Kehren, und überdies spendeten unten die weiten Bögen des Bauwerks Schatten. Sie wechselten sich stets ab. Heute hatte Nifek die schwere Arbeit, und wer die schwerere Arbeit hatte, führte das Kommando. Oder tat wenigstens so. Kontrollieren wollte er nicht, ob Shaim seiner Aufforderung folgte, dafür war ihm der Aquädukt zu hoch. Nifek hätte sich dafür weit über den Mauerrand lehnen müssen. Er war schwindelfrei, aber nicht lebensmüde. Von der Rinne bis zur unteren Ebene waren es zwanzig Meter freier Fall.

Da sie sich während der Arbeit nicht sehen konnten, antworteten sie einander immer auf ihre Rufe, um sich gegenseitig ihrer Anwesenheit zu versichern. Selbst, wenn es nur ein Scherzruf war, oder, wie jetzt, eine überflüssige Aufforderung. Diesmal jedoch kam nichts zurück.

 »He, Faulpelz! Schluck das Baklava runter und beweg deinen Hintern! Du kannst kehren!«

 Stille.

 Nicht zu fassen! Hat sich vollgestopft und ist weggepennt, der Kerl!

 Nifek schöpfte eine zweite Kelle. Die Sonne brannte auf seinen Rücken, die gebückte Haltung hatte ihm das Hemd aus der Hose gezogen.

 Bullenhitze. Trockenzeit schön und gut, aber dieses Jahr ist’s besonders schlimm.

 Als er die Kelle an die Lippen hob, erblickte er sein Spiegelbild auf der Oberfläche der offenen Wasserleitung. Und den zweiten menschlichen Umriss neben sich.

 »Bei Gott!« Er fiel fast in die Rinne vor Schreck. »Shaim, du Hurensohn! Das ist nicht lustig!«

 Aber es war nicht Shaim, der da neben ihm stand. Es war eine Gestalt wie aus Rauch, eine wabernde Silhouette mit einer Hand aus Feuer – Hitze, gegen die keine Kleidung schützte. Nifek wollte schreien, doch plötzlich gab es keine Luft mehr zum Atmen, als stünde er inmitten eines lodernden Scheiterhaufens. Die Gestalt packte ihn am Kragen, ein Griff wie von glühenden Kohlen. Er wurde hochgehoben, zappelte. Das Letzte, was er sah, war die Armee, die aus der Wüste kam.

 Dann verbrannte er.

 Es ging schnell.

 Der Kohlengriff löste sich. Nifek stürzte in die Rinne, trieb stromabwärts, bald rechts, bald links die Wände streifend.

 Er war eine Botschaft. Eine Botschaft für Mesrée.